Die Gründung einer Golfanlage: Interview mit Tim Steffens

Veröffentlicht: 14.09.2022 · Mirco Timm

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Golfanlage im warmen Abendlicht

Worum es geht: Tim Steffens führt die Golfanlage in Deinste bei Stade in zweiter Generation. Im Podcast-Interview erzählt er, wie aus einem landwirtschaftlichen Betrieb eine der ersten öffentlichen Golfanlagen Deutschlands wurde, warum Footgolf junge Menschen aufs Grün holt und woran die ganze Branche arbeiten muss, um aus dem Nullwachstum herauszukommen.
Reinhören: Das komplette Gespräch gibt es als Folge im Golf Karriere und Business Podcast.

Vom Acker zum Fairway

Die Geschichte der Anlage beginnt nicht mit Golf, sondern mit Landwirtschaft. Ende der 1980er Jahre wollte die Europäische Union die Überproduktion eindämmen, Stichwort Butterberge, und zahlte Landwirten Geld dafür, Flächen brachliegen zu lassen. Tim Steffens Vater wollte sein Land aber nicht verkrauten lassen. Aus einer Idee, die er Jahre zuvor während eines Aufenthalts in den USA aufgeschnappt hatte, dort hatte er auf Golfanlagen gearbeitet und Steine gesammelt, wurde ein Plan: Golf. 1989 starteten die Planungen, 1994 ging die Anlage an den Start, in einem Jahr, in dem allein in Deutschland 42 Golfanlagen eröffneten.

Parallel lief die hauseigene Forellenzucht weiter, die schon 1974 zur Eröffnung des angeschlossenen Restaurants gehört hatte. Um die Jahrtausendwende kam ein kleines Hotel mit 19 Zimmern dazu. Aus dem Bauernhof wurde so ein Dreiklang aus Golf, Gastronomie und Hotellerie, der bis heute trägt und der Region weit über Niedersachsens Grenzen hinaus einen Namen gemacht hat.

Eine öffentliche Anlage, lange vor dem Trend

Was die Anlage besonders machte: Man durfte hier von Anfang an ohne Mitgliedschaft spielen, einzige Voraussetzung war die Platzreife. In einer Zeit, in der Golf in Deutschland noch sehr elitär auftrat, war das ein mutiger Schritt. Betrieben wird die Anlage als Betreibergesellschaft mit angeschlossenem Verein, der ursprünglich nur gegründet wurde, um überhaupt Mitglied im Deutschen Golf Verband sein zu dürfen. Damals durfte eine reine Betreibergesellschaft das nicht.

Der erhoffte Boom blieb zunächst aus. Die Familie hatte die Anlage aus eigenen Mitteln und über Banken vorfinanziert und wollte das Geld über langfristige Spielrechte mit Einmalzahlung zurückholen. Das Konzept ging nicht auf und wurde Anfang der 2000er umgestellt. Steffens spricht offen über diese Täler, die zu fast jeder Gründung dazugehören. Mit Blick auf das Image stellt er nüchtern fest, dass Golf für viele bis heute elitär bleibt, das sei nie zum Breitensport geworden, wie damals erhofft.

Steffens' eigener Weg in die Geschäftsführung

Tim Steffens war im Gründungsprozess als Jugendlicher nicht aktiv eingebunden, hat den Platz aber im Wald nebenan bespielt, bevor er Industriekaufmann lernte. Es folgte ein Studium der technischen Betriebswirtschaft in Wolfsburg bis 2005 und anschließend der Golfbetriebswirt beim Deutschen Golf Verband. 2006 ging er nach Rehburg-Loccum an eine 18-Loch-Anlage in der Nähe des Steinhuder Meeres und arbeitete dort zweieinhalb Jahre als Geschäftsführer. 2008 kehrte er aus gesundheitlichen Gründen seines Vaters in den Heimatbetrieb zurück und übernahm die Geschäftsführung. Seitdem entwickelt er die Anlage weiter.

Wie die Anlage heute aufgestellt ist

Eine Golfanlage altert wie ein guter Wein. Bäume wachsen, das kleine Ökosystem reift, und nach 25 Jahren ist von der einstigen Ackerfläche im Bewuchs kaum noch etwas zu erkennen. Das Greenkeeping besteht aus fünf festangestellten Mitarbeitern, darunter ein langjähriger Saisonarbeiter aus Polen, der seit sieben oder acht Jahren zum Team gehört. Hinzu kommt ein geringfügig Beschäftigter, der die Sportplätze der Samtgemeinde mitmäht und so die vorhandenen Maschinen auslastet. In Verwaltung, ProShop und Sekretariat arbeiten drei Angestellte inklusive Steffens, dazu drei geringfügig Beschäftigte fürs Marshalling und die Caddy-Pflege.

Für Nachwuchs ist die Anlage offen. Jedes Jahr gibt es Schulpraktika, in der Vergangenheit hat man zum Sport- und Fitnesskaufmann ausgebildet und parallel die Weiterbildung zum Junior Golfmanager beim IST angeboten. Auch duale Studenten im Sport Business Management waren bereits an Bord. Wer in der Region einen Praxisplatz im Golfbusiness sucht, findet hier einen erfahrenen, gewachsenen Betrieb.

Footgolf als Einladung an die nächste Generation

2018 hat die Anlage Footgolf eingeführt, nicht zu verwechseln mit Fußballgolf. Beim Footgolf wird ein Fußball nach Golfregeln über die Bahnen gespielt, in vergrößerte Löcher, mit so wenig Schüssen wie möglich. Die 18 Footgolf-Bahnen liegen über den ersten neun Golflöchern, die Gesamtlänge beträgt rund zweieinhalb Kilometer. Genutzt werden alle bekannten Elemente eines Golfplatzes, Abschlag, Fairway, Bunker, Penalty Areas, verschiedene Mähhöhen, nur das Loch ist breiter. Die Cups sind dauerhaft im Boden eingelassen und beim normalen Golfbetrieb mit einem Kunstrasendeckel verschlossen, sodass im Spielbetrieb nichts auffällt.

In zweieinhalb Jahren spielten bereits mehr als 350 Footgolferinnen und Footgolfer in Deinste, viele kommen wieder, dazu kommen Firmenevents, die statt eines klassischen Golfturniers ein Footgolf-Turnier buchen. Für Steffens ist das eine Investition in die nächste Generation. Wer heute mit Freunden Footgolf spielt und merkt, wie schön so eine Anlage ist, greift in zehn Jahren vielleicht selbst zum Schläger. Geplant ist der Ausbau auf 36 Footgolf-Löcher und zusätzlich eine separate Fußballgolfanlage.

Was Golfanlagen mitnehmen können

  • Offene Konzepte wie Spielen ohne Mitgliedschaft senken die Einstiegshürde
  • Trendformate wie Footgolf holen ein junges, neues Publikum auf die Anlage
  • Ehrliche Kommunikation über finanzielle Durststrecken gehört zur Gründung dazu
  • Beitragsstaffelung für junge Mitglieder schafft echte Familienangebote
  • Etikette schützt den Platz, eine verstaubte Kleiderordnung schreckt eher ab

Das eigentliche Problem ist das Image

So spannend die Gründungsgeschichte ist, am meisten brennt Steffens das Thema Wachstum. Der deutsche Golfmarkt wächst kaum, in manchen Jahren um die 0,1 Prozent. Jedes Jahr verliert die Branche rund 40.000 Vollmitglieder allein durch das Alter, und es kommt zu wenig nach. Das einzige nennenswerte Wachstum kommt aus Fernmitgliedschaften, ein gefährlicher Trend, denn von einer Fernmitgliedschaft lässt sich keine Anlage pflegen.

Die größte Einstiegshürde sei längst nicht mehr das Geld, sondern die Zeit. Eine volle Golfrunde dauert vielen schlicht zu lange. Im Vergleich zu Pferdesport, Skifahren oder einer Segeljacht sei Golf kein teurer Sport, sondern liege im Mittelfeld. Steffens fordert deshalb mehr Flexibilität von den Organisatoren. Wenn eine Neun-Loch-Runde vorgabenwirksam sein kann, warum nicht auch sechs oder drei Löcher. Die Branche habe an dieser Stelle noch viel Luft nach oben.

Golf ist einfach sexy. Wir müssen den Kuchen vergrößern und uns nicht um die Krümel streiten.

Was Anlagen ändern müssen

Sein Appell richtet sich klar an die Verantwortlichen vieler Anlagen. Wer im klassischen Ehrenamt-Modell über einen Vorstand aus Anwalt, Zahnarzt und Hals-Nasen-Ohren-Arzt geführt wird, ohne professionellen Clubmanager, läuft Gefahr, alles so weiterzumachen, wie es immer war. Die Mitarbeiter im Sekretariat haben keine Entscheidungsgewalt, die strategischen Weichen werden anderswo gestellt. Steffens fordert ein Umdenken: weg vom hohen Ross, hin zu Angeboten, die junge Menschen und Familien wirklich erreichen.

Praktisch lebt er das mit seiner Beitragsstruktur vor. Bis zum 26. Lebensjahr zahlt man bei ihm einen sehr überschaubaren Beitrag, von 26 bis 33 gibt es zwei Stufen, in denen der Beitrag gestaffelt wächst, bevor man in den vollen Mitgliedsbeitrag rutscht. Wer nach dem Studium gerade ins Berufsleben startet, ist eben selten gleich Topverdiener.

Etikette ja, verstaubte Regeln nein

Beim Thema Etikette unterscheidet Steffens klar. Verhaltensregeln, die den Platz schützen, sind für ihn nicht verhandelbar. Eine Pitchmarke, die nicht oder falsch ausgebessert wird, ist ein Einfallstor für Pilzinfektionen, das Grün ist das wertvollste Gut einer Anlage. Da reagiert er rigoros, kontrolliert wird das, und Verstöße werden angesprochen.

Eine strenge Kleiderordnung dagegen hält er für überholt. Jeans und T-Shirt sind bei ihm willkommen, Grenzen zieht er nur bei Muskelshirts und oben ohne. Wichtiger sei, dass sich die Gäste wohlfühlen und gerne wiederkommen. Selbst er, der privat fast nur Jeans trägt, würde zum Spielen keine anziehen, weil sie schlicht unpraktisch ist. Aus der Praxis kommen die besseren Argumente als aus alten Konventionen.

Platzreife: Lernen ja, Prüfung nicht zwingend

Auf den Vorschlag, ganz auf die Platzreife zu verzichten, reagiert Steffens skeptisch. Golf müsse gelernt werden, schon aus Sicherheits- und Versicherungsgründen, und ein abgewinkter Schlag darf nicht ungebremst in fremden Bereichen landen. Etikette und schnelles Spiel gehören für ihn fest in diese Lernphase. Die Form der Abschlussprüfung kann man aber durchaus überdenken. Schon das Wort Prüfung erzeugt bei vielen Menschen Druck, und Prüfungsangst hat im Hobbysport nichts zu suchen. Patenschaftsmodelle, bei denen ein erfahrenes Mitglied einen Einsteiger eine Zeit lang begleitet, hält er für eine sinnvolle Alternative.

Pläne für die Zukunft

In der Ursprungsplanung sind 27 Golflöcher genehmigt und stehen bis heute im Bebauungsplan. Wegen des verhaltenen Starts wurden bisher nur 18 gebaut. Steffens' Fernziel bleibt der Ausbau auf 27 Löcher. Das bringe operativ enorme Vorteile, etwa neun Bahnen für Pflegephasen sperren und parallel 18 anbieten zu können. Daneben soll das Footgolf-Angebot von 27 auf 36 Löcher wachsen, und perspektivisch ist eine separate Fußballgolfanlage geplant. Eine neue Betriebshalle soll Energieverbrauch und Spritkosten senken und die Anlage stärker auf erneuerbare Quellen ausrichten.

Was ihn nachts wachhält

Zwei Themen treiben Steffens um. Zum einen die Pandemie, deren Lockdown sichtbare Spuren bei Mitgliedern und in der Kommunikation hinterlassen hat. Sein lokaler Markt ist eng, 63 Prozent seiner Mitglieder wohnen im Radius von zehn Kilometern, 91 Prozent innerhalb von zwanzig. Bei einer Golfdurchdringung von rund 0,85 Prozent in seiner Region ist das rechnerische Potenzial im Umkreis fast ausgeschöpft, neue Mitglieder zu gewinnen, wird damit zur Daueraufgabe.

Zum anderen beschäftigt ihn das Verhalten von Kunden im Dienstleistungsalltag. Wer auf Etikette oder Regelverstöße angesprochen wird, reagiert immer öfter aggressiv, "ich zahle ja so viel Geld" sei zu einem Standardargument geworden. Diese sogenannten Problemfälle nehmen zu, und der Umgang damit kostet Energie, die anderswo besser eingesetzt wäre. Wo das hinführt, beunruhigt ihn weniger als Betreiber, sondern als Mensch.

Fazit

Die Anlage in Deinste zeigt, dass eine Golfanlage mehr sein kann als ein Club für wenige. Wer offen für neue Formate ist, ehrlich mit den eigenen Zahlen umgeht und das Image der Branche aktiv verbessert, schafft die Grundlage dafür, dass Golf auch die nächste Generation erreicht. Steffens' nüchterner Optimismus und seine klare Sprache machen Lust, an dieser Aufgabe mitzubauen, statt sich im Status quo einzurichten.

Ganze Folge hören: Mehr Details, Anekdoten und Tims Antwort auf die Frage "What keeps you up at night" gibt es in der Podcast-Folge.

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