
Vom Banker-Traum zum Golf-Start-up
Eigentlich wollte Patrick Rahme an die Börse. Der Luxemburger hat an der London School of Economics einen Master in Finanzen abgeschlossen und danach bei der Credit Suisse in Zürich und Genf ein Praktikum gemacht. Sein Traum war es lange, Banker zu werden. Doch ausgerechnet während der Finanzkrise, als er in London täglich die Financial Times las, kippte die Begeisterung. Tag für Tag gab es neue Skandale um Banker, die Geschäfte gemacht hatten, die sie nicht hätten machen dürfen. Rahme merkte, dass diese Welt nicht zu ihm passt.
Prägend waren auch die Gespräche mit seinem Großvater, der als Elektriker bei der luxemburgischen Fluggesellschaft die Turbinen der Flugzeuge reparierte. Er habe nie verstanden, wie man Geld mit Geld verdient, erzählt Rahme. Für seinen Großvater musste am Ende immer ein echtes Ergebnis stehen, ein greifbarer Output. Dieser Gedanke ließ ihn nicht los.
Den Anstoß zur Selbstständigkeit gab eine Erfahrung aus dem Studium. In Lausanne leitete Rahme als Präsident einer studentischen Junior Enterprise ein Team von zwanzig Leuten, und das machte ihm so viel Spaß, dass für ihn klar war: Unternehmertum ist sein Weg. Drei Leidenschaften kamen zusammen, der Golfsport, die Technologie und der Reiz, etwas aufzubauen. Einen eigenen Golfplatz zu eröffnen kam für ihn nie infrage, das wäre nicht skalierbar gewesen. Er wollte ein Produkt mit internationaler Reichweite und ein Team dahinter. Im Januar 2013 gründete er All Square, rund zwei Jahre bevor die Digitalisierung im Golf richtig Fahrt aufnahm. Mit Anfang dreißig führte er da bereits seit Jahren sein eigenes Unternehmen, sprach fünf Sprachen und spielte mit einem Handicap von plus 2,5 auf einem Niveau, von dem die meisten Amateure nur träumen.
Was All Square ist
Die erste Idee war eine Community, eine Art soziales Netzwerk für Golf, ein Facebook für Golfer, wie Rahme es nennt. Daraus wurde nach und nach das, was er selbst als Tripadvisor des Golfsports beschreibt: eine Plattform, über die sich mehr als 33.000 Golfplätze entdecken und buchen lassen. Golfer vernetzen sich, teilen, wo sie gespielt haben, und bewerten die Plätze.
Anfang 2021 kamen zwei größere Bausteine dazu, eine integrierte Reise-Sektion und alles rund um Live-Scoring und Statistiken für die Nutzer. Die Vision dahinter ist ein Marktplatz, auf dem Golferinnen und Golfer alles Nötige an einer Stelle finden, statt sich durch viele verschiedene Websites zu klicken: Greenfees, Reisen und Equipment, dazu eine einfache Bedienung und mehrere Sprachen. Wichtig ist Rahme dabei die Internationalität. Viele Gäste, etwa aus Asien, würden gerne in Deutschland spielen, scheitern aber an rein deutschsprachigen Clubseiten. Genau diese Lücke will All Square schließen.
Die Zahlen hinter der Plattform
Rahme nennt im Gespräch konkrete Zahlen. Über 100.000 Golfer sind zu diesem Zeitpunkt auf der Plattform, das Wachstum kommt vor allem über eine starke Suchmaschinen-Optimierung. All Square hat mehr als 100.000 Seiten bei Google indexiert und liegt bei vielen Suchanfragen weit vorne. Die Zahl der Website-Aufrufe ist im Vergleich zum Vorjahr um fast 80 Prozent gestiegen.
Auffällig: Von den 100.000 Nutzern sind nur rund 6.000 Deutsche. Der Grund liegt für Rahme klar auf der Hand. Viele Deutsche hätten ein Problem mit der englischen Sprache und wünschten sich eine deutsche Oberfläche. Das wirkt sich direkt auf das Google-Ranking aus, denn mit englischen Inhalten landet man bei deutschen Suchbegriffen selten auf der ersten Seite. Die Übersetzung der Plattform in weitere Sprachen steht deshalb fest auf der Produkt-Roadmap, auch wenn es eine Mammutaufgabe ist.
Die Nutzer verteilen sich grob auf 45 Prozent Kontinentaleuropa, je 20 Prozent Großbritannien und USA sowie den Rest der Welt. Die wichtigsten Reisedestinationen sind Spanien und Portugal. Wie stark die digitale Sichtbarkeit wirkt, zeigt ein Beispiel: Für Cartagena in Kolumbien bekam All Square viele Buchungen, ohne sich je auf diesen Markt fokussiert zu haben, einfach weil Google die Seiten dort weit vorne platzierte. Normalerweise buchen Golfer ihre Reisen sechs bis neun Monate im Voraus. In der Corona-Zeit schrumpfte dieser Vorlauf auf wenige Tage oder Wochen, was das Geschäft deutlich schwieriger machte.
Was Golfanlagen davon haben
Jede Golfanlage ist bei All Square grundsätzlich gelistet, kostenlos. Wer mehr will, bucht eines der Premium-Pakete. Damit gewinnt der Club Sichtbarkeit und Zugang zu Business-Tools: direkte Kommunikation mit der Community und den eigenen Mitgliedern, auch per Push-Nachricht, dazu Statistiken zu Besuchern und Buchungen. Ein separates Marketing-Paket geht weiter und bewirbt den Platz über Newsletter, Blog und Banner. Der Golfmanager kann dabei festlegen, welche Märkte er gezielt ansprechen möchte, um den Aufwand dorthin zu lenken, wo der Ertrag am höchsten ist.
Was Golfanlagen aus dem Gespräch mitnehmen
- Die eigene Domain mit dem Clubnamen rankt fast von selbst vorne, der Wettbewerb spielt sich auf den Plätzen dahinter ab
- Einzigartiger Text schlägt kopierte Inhalte, Google erkennt die Quelle schnell
- Eine schnelle, mobil optimierte Seite ist Pflicht, keine Kür
- Regelmäßige Aktualisierungen bringen Google dazu, die Seite neu zu crawlen und höher einzuordnen
- Mehrsprachige Inhalte öffnen die Tür zu internationalen Gästegruppen
Fünf Punkte, die über das Ranking entscheiden
Rahme kennt die Websites vieler Golfanlagen, das gehört zu seinem Geschäft. Auf die Frage, was die meisten falsch machen, nennt er fünf Prinzipien für gute Suchmaschinenoptimierung.
Erstens einzigartiger Inhalt. Kopierte Texte sind nie willkommen, Google merkt schnell, woher ein Inhalt stammt. Zweitens Geschwindigkeit. Eine langsame Seite liefert eine schlechte Nutzererfahrung, und genau die will Google seinen Nutzern ersparen. Drittens die mobile Darstellung. Eine ältere Seite, die auf dem Smartphone unangenehm ist, ist für Google ein Ausschlusskriterium. Viertens die Optimierung der passenden Suchbegriffe. Und fünftens Aktualität: Eine Seite, die sich über Jahre nicht verändert, fällt zurück. All Square profitiert hier von den täglich neuen Bewertungen, die für frischen Inhalt sorgen, woraufhin Google die Seiten neu crawlt und nach vorne bringt.
Ein Detail, das viele unterschätzen: Wer eine eigene Domain mit dem Clubnamen pflegt, landet bei der Suche nach dem Club fast automatisch ganz oben. Der eigentliche Wettbewerb entscheidet sich auf den Positionen dahinter, und dort spielt auch die Sprache eine Rolle. Platz eins in Deutschland bedeutet noch lange nicht Platz eins in Großbritannien.
Das Schlimmste ist die Gewohnheit. Man sollte nie denken, man wisse schon alles, sondern sich immer wieder herausfordern.
Wo der Golfmarkt bei der Digitalisierung steht
Rahme beobachtet den Markt international und sieht eine klare Beschleunigung. Kontaktlose Abläufe sind wichtiger geworden, Greenfees werden viel häufiger online gebucht. Das entlastet auch die Verwaltung eines Golfclubs, in der vieles früher über Telefon und E-Mail lief. Dazu kommen der Online-Handel mit Equipment, Golf im Stream auf dem Handy und ein insgesamt wichtiger gewordenes digitales Marketing. Sein Fazit: Der Markt sei dort angekommen, wo er sonst erst in drei bis fünf Jahren gewesen wäre.
Eine weitere Beobachtung betrifft die Menschen hinter den Anlagen. Als Rahme 2013 begann, waren Golfmanager im Schnitt deutlich älter. Heute seien viel mehr 35-Jährige in solchen Positionen, und das verändert die Gespräche über Technologie spürbar. Wer mit Technik aufgewachsen ist, versteht den Nutzen einer Plattform schneller, als wenn man einem Gegenüber kurz vor der Rente die Vorteile erklären muss. Gleichzeitig warnt Rahme davor, sich in der Digitalisierung zu verlieren. Technologie müsse einen echten Nutzen stiften, nicht Selbstzweck sein.
Homeoffice und die Zukunft der Arbeit
Spannend ist Rahmes Blick auf die eigene Organisation. Seit dem Frühjahr arbeitet das Team komplett aus dem Homeoffice, die Gesundheit der Mitarbeiter hat für ihn oberste Priorität. Überrascht hat ihn, wie motiviert die Belegschaft auf den Wechsel reagiert hat. Für die Entwickler sei das ohnehin nichts Neues, gute IT-Leute arbeiten seit Jahren von zu Hause und lassen sich auch nicht einfach in einer einzigen Stadt finden, man muss sie weltweit suchen. Im Vertrieb sind die Leute sowieso unterwegs.
Offen ist für ihn vor allem die Frage nach dem Büro für Marketing und Verwaltung. Sein Bauchgefühl: Das Büro wird kleiner, und die Mitarbeiter dürfen künftig wählen, ob sie zu Hause oder vor Ort arbeiten. Wer beide Optionen hat, könne sich sein Leben besser einteilen, gerade wer sonst morgens und abends pendelt. Gleichzeitig fehlt ihm das Menschliche, der Austausch rundherum. Homeoffice habe eben nicht nur gute Seiten, aber im Moment gehe Gesundheit vor.
Was ihn antreibt
Auf die Frage nach den größten Learnings seiner Laufbahn antwortet Rahme offen: Er mache noch immer viele Fehler und lerne jeden Tag daraus. Das richtige Technik-Team aufzubauen sei am Anfang besonders schwer gewesen. Sein Rat an Gründer ohne IT-Hintergrund: Hol dir jemanden, der sich wirklich auskennt, und mach vorher eine saubere Due Diligence. Auch die Golfindustrie selbst kannte er anfangs kaum, obwohl er Golfer war, vieles musste er sich erst erarbeiten.
Vor allem aber gehe es um Neugier. Man dürfe nie glauben, schon alles zu wissen, sondern müsse sich immer wieder hinterfragen und nach der besten Lösung suchen. Die erzwungene Ruhe der Krise habe ihm geholfen, das eigene Unternehmen objektiver zu betrachten und liebgewonnene Gewohnheiten zu ändern. Genau dieses Wort, Gewohnheit, ist für ihn das größte Risiko. Wer Dinge nur deshalb so macht, weil man sie schon immer so gemacht hat, entwickelt sich nicht weiter.
Fazit
Das Gespräch zeigt zwei Dinge. Zum einen, wie aus einer Leidenschaft für Golf und Technologie ein internationales Unternehmen werden kann, wenn man konsequent auf Skalierbarkeit setzt. Zum anderen, dass viele Golfanlagen Sichtbarkeit verschenken, die mit überschaubarem Aufwand zu holen wäre. Wer die fünf Ranking-Prinzipien ernst nimmt, eigene Inhalte schreibt, die Seite schnell und mobiltauglich hält und sie regelmäßig pflegt, hat schon viel gewonnen. Und wer wie Rahme die Gewohnheit als größten Gegner begreift, bleibt auch in einer sich schnell verändernden Branche beweglich.